Markus 7,1–23
Er aber sprach zu ihnen: Richtig hat von euch Heuchlern Jesaja geweissagt, wie geschrieben steht Jes 29,13: »Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.
Markus 7,6
Hallo zusammen! Ich hoffe, ihr steckt die Hitze gut weg. Vielleicht sind einige von euch schon an die Aare gegangen, um sich abzukühlen, oder ihr klammert euch verzweifelt an einen Ventilator fest, nur um einen Hauch von Kühle zu spüren.
Beim letzten Mal haben wir betrachtet, wie Jesus auf dem Wasser ging und seinen Jüngern Mut zusprach. Ein weiterer Punkt war, wie viele Menschen allein durch die Berührung des Saums seines Gewandes geheilt wurden. Diese Menschen kamen zu Jesus, weil sie wussten, dass sie ihn brauchten. Ihr Glaube beruhte nicht auf Ritualen oder Traditionen, sondern auf Jesus selbst. Der heutige Text zeigt uns dagegen das Gegenteil. Anstatt dass Menschen im Glauben zu Jesus kommen, sehen wir, wie die Pharisäer Jesus annähern, um ihn zu kritisieren. Sie interessierten sich nicht dafür, wer Jesus war, sondern dafür, ob seine Jünger ihre Traditionen bzw. Überlieferungen befolgten. Durch diese Begegnung deckt Jesus etwas viel Tieferes auf als die zeremonielle Waschung. Er offenbart den Zustand des menschlichen Herzens.
Während wir diesen Abschnitt betrachten, wollen wir uns eine Frage stellen: Wo liegt mein Herz wirklich?
Teil 1: Wenn Regeln wichtiger werden als Gottes Wort
Lesen wir die Verse 1 und 2: 1 Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren. 2 Und sie sahen, dass einige seiner Jünger mit unreinen, das heisst ungewaschenen Händen das Brot assen.
Bevor wir beginnen, ist es hilfreich, den historischen Hintergrund ein wenig zu verstehen. Die Schriftgelehrten wurden mit der Zeit zu Experten des Gesetzes und entwickelten im Laufe der Zeit viele zusätzliche Regeln und Traditionen. Diese waren nicht Teil des geschriebenen Gesetzes, das Gott durch Mose gegeben hatte, sondern wurden mündlich überliefert. Diese mündlichen Überlieferungen wurden später in der sogenannten Mischna festgehalten. Obwohl sie ein geschriebenes Gesetz besassen, zogen sie zur Zeit Jesu das mündliche Gesetz vor. Je mehr Regeln sie hinzufügten, desto strenger wurden sie im Umgang mit diesen Vorschriften. Die Pharisäer begannen, die Spiritualität der Menschen danach zu beurteilen, indem sie darauf achteten, ob sie diese Regeln befolgten. Besonders genau nahmen sie den Dienst Jesu unter die Lupe. Das Prüfen an sich ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, da es wichtig ist, die Menschen vor potenziellen falschen Propheten und Messiasen zu schützen. Doch dabei ist wichtig zu bedenken, dass sie sich bereits vor dieser Begegnung mit Jesus eine Meinung über ihn gebildet hatten. Diese Haltung führte zusammen mit ihrer Strenge dazu, Jesus sofort anzugreifen, als sie sahen, wie seine Jünger mit „unreinen“ Händen assen. Was die Pharisäer damit meinten, war nicht das übliche Händewaschen vor dem Essen, sondern die zeremonielle Waschung. Es handelte sich um ein aufwendiges und striktes Ritual mit mehreren Schritten, das vor jeder Mahlzeit oder jedem Gang durchgeführt und von einem Gebet begleitet wurde, um schlussendlich als rein zu gelten. Zwar spricht die Bibel durchaus davon, sich vor einer Mahlzeit zu waschen, z. B. in 2. Mose 40,12: „Und du sollst Aaron und seine Söhne vor den Eingang der Stiftshütte treten lassen und sie mit Wasser waschen“ Diese zeremonielle Waschung ist jedoch ein Beispiel dafür, wie das ursprüngliche Gesetz im Laufe der Zeit durch weitere Regeln und Vorschriften ausgeweitet wurde. Selbst die Pharisäer wussten davon. Lesen wir Vers 5:
Da fragten ihn die Pharisäer und die Schriftgelehrten: Warum wandeln deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Ältesten, sondern essen das Brot mit unreinen Händen?
Wenn wir genau hinschauen, sagen sie nicht: „Warum brechen sie Gottes Gesetz?“, sondern: „Warum wandeln deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Ältesten“ Selbst sie wussten, dass dies eigentlich kein Gebot Gottes war. Das Problem lag nicht am Händewaschen. Sich vor dem Essen die Hände zu waschen, ist etwas Gutes. Das Problem war, dass menschliche Traditionen nach und nach wichtiger geworden waren als Gottes Wort. Da sie Autorität über einen grossen Teil der Bevölkerung besassen, war es leicht, die Worte der Pharisäer zu glauben, ohne sie vorher zu überprüfen. Die Gefahr besteht darin, dass wir anfangen, Menschen blind zu folgen. Dadurch entfernen wir uns nach und nach von der eigentlichen Bedeutung der Schrift, vernachlässigen das Wort Gottes und entfernen uns unbemerkt von Gott.
Gerade im Zeitalter der sozialen Medien besteht die Gefahr, dass wir uns von den vielen Meinungen und Interpretationen der Bibel mitreissen lassen. Viele von uns konsumieren christliche Inhalte über Instagram Reels, TikTok oder YouTube Shorts. Wir scrollen, hören einen Bibelvers, hören eine Interpretation und denken: „Mhm, ja, oh, der ist gut, oh, das klingt schön“ und nehmen alles ungeprüft auf. Es dauert nicht lange, bis wir Dutzende Meinungen übernommen haben, ohne jemals selbst die Bibel aufgeschlagen zu haben. Ausserdem bin ich auch auf mehrere YouTube-Videos gestossen, die dasselbe Thema nahezu wortwörtlich erklären, als würden alle aus demselben Skript vorlesen. Ganz ehrlich: Es war ein wenig unheimlich. Es ist nichts Falsches daran, Predigten oder christliche Inhalte im Internet anzuhören. Aber wenn wir nie selbst zur Bibel zurückkehren, fangen wir langsam an, Interpretationen anderer Menschen mehr zu vertrauen als Gottes Wort.
Paulus warnt uns in Kolosser 2,8:
Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.
Gottes Wort ist voller Leben, Liebe, Hoffnung und Wahrheit. Wir sollten uns vor Lehren hüten, die Gottes Wort seiner eigentlichen Bedeutung berauben, es zu leeren Worten umgestalten oder es dazu benutzen, Menschen zu verherrlichen, anstatt Gott zu verherrlichen.
Teil 2: Jesu Antwort – Religion ohne Herz
Lesen wir die Verse 6-8: 6 Er aber sprach zu ihnen: Richtig hat von euch Heuchlern Jesaja geweissagt, wie geschrieben steht Jes 29,13: »Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. 7 Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote.« 8 Ihr verlasst Gottes Gebot und haltet an der Überlieferung der Menschen fest.
Jesus spricht sofort das grundlegende Problem an. Es ging nie um das Händewaschen. Es ging um Herzen, die sich langsam von Gott entfernt hatten. Jesus nennt die Pharisäer Heuchler und zitiert Jesaja 29,13. Interessant ist, dass die Überlieferungen der Pharisäer ihren Ursprung nicht in etwas völlig Falschem hatten. Sie gingen tatsächlich von der Schrift aus und ihr ursprünglicher Wunsch lag darin, Gottes Gesetz zu schützen. Doch im Laufe der Zeit interpretierten und erweiterten sie es mit zusätzlichen Regeln und Überlieferungen und schliesslich hatten diese Überlieferungen dieselbe Autorität wie Gottes eigene Gebote. Der Ausgangspunkt war zwar immer noch die Heilige Schrift, doch ihre Bedeutung wurde verdreht. Was Gott dazu bestimmt hatte, Leben zu schenken, hatte nach und nach seine eigentliche Bedeutung verloren. Sie begründeten ihre Traditionen zwar mit Bibelversen, doch letztendlich dienten diese Traditionen mehr ihren eigenen Zwecken als denen Gottes. Äusserlich sah alles richtig aus. Sie lasen immer noch das Wort Gottes. Sie beteten immer noch. Sie hielten immer noch Gottesdienst. Sie wirkten immer noch wie die frommsten Menschen in der Stadt. Doch Jesus sagte: „Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.“ Stell dir vor, diese Worte zu hören. Sie sprachen von Gott, kannten ihn aber nicht wirklich. Sie ehrten ihn mit ihren Lippen und priesen ihn mit ihrem Mund, während ihre Gedanken und Herzen ganz woanders lagen. Sie gaben menschlichen Traditionen und Ritualen das gleiche Gewicht wie Gottes Wort und stellten ihre eigene Autorität auf die gleiche Ebene oder sogar über die Autorität Gottes selbst.
Rituale an sich sind nicht das Problem. Wenn das Händewaschen vor dem Essen jemandem hilft, sich an Gottes Heiligkeit zu erinnern, ist es nichts Schlechtes. Jeden Morgen in der Bibel zu lesen, ist wichtig. Jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, ist wichtig. Regelmässig zu beten, ist wichtig. Routinen, die uns auf Gott hinweisen, können ein grosser Segen sein. Sie sind wichtig. Diese Dinge sind unverzichtbar. Problematisch wird es, wenn uns diese Routinen uns das Gefühl geben, geistlich besser zu sein als andere oder zu Aufgaben werden, die abgehackt werden müssen, anstatt Gelegenheiten zu sein, Gott kennenzulernen.
Sind wir mal ehrlich: Tun wir nicht manchmal genau dasselbe? Haben wir uns nicht auch schon einmal dabei ertappt? Wir beenden unser Bibellesen, unser Tägliches Brot oder einen Sonntagsgottesdienst und denken: „Na, das wäre nun erledigt. Jetzt kann ich mit meinem Tag weitermachen wie ich will.“ Anstatt zuzulassen, dass Gottes Wort unser Herz prägt, haben wir einfach eine weitere Aufgabe von unserer To-do-Liste gestrichen. Vielleicht halten wir nicht an menschlichen Ritualen fest wie die Pharisäer, aber vielleicht an etwas anderem: an unseren Routinen, unseren Zeitplänen, unseren Verpflichtungen oder unseren Gewohnheiten. Wir sind so sehr damit beschäftigt, Dinge für Gott zu tun, dass wir langsam vergessen, tatsächlich Zeit mit Gott persönlich zu verbringen.
Genau wie in jeder Beziehung – sei es in der Familie, in einer Freundschaft oder in der Ehe – gibt es Dinge, die wir einfach tun müssen. Aber nur durch das Erledigen dieser Dinge, baut die Beziehung nicht automatisch auf. Wir müssen auf die Person zugehen, Nähe suchen, zuhören, Zeit miteinander verbringen und die Person kennenlernen. Die Beziehung wächst, weil wir Zeit und Aufmerksamkeit in sie investieren. Unsere Beziehung zu Gott ist nicht anders. Bibellesen, Gebet und Anbetung sollen keine Pflichten sein, die wir hastig abhaken. Sie sind Gelegenheiten, das Herz Gottes kennenzulernen, daran erinnert zu werden, wer Er ist und wer wir als Seine Kinder sind.
Ich erinnere mich dabei an einem Moment in meinem Leben. Als ich anfing, die Bibel mehr zu lesen, suchte ich hauptsächlich nach Stellen, die meine eigenen Glaubensfragen beantworteten oder mir Mut machten. Ich las gerne über Gottes Liebe, seine Gnade und seine Versprechungen. Aber Themen wie die Hölle, Gottes Zorn, das Gericht oder die Bosheit der Welt, die übersprang ich lieber. Dann fing jemand an, mir Fragen zu stellen. Was ist Sünde? Warum gibt es die Hölle? Was bedeutet Gottes Zorn? Warum hat Gott uns erschaffen? Ich wusste ehrlich gesagt überhaupt nicht, was ich antworten sollte. Mir wurde klar, dass ich nur die Stellen der Bibel angenommen hatte, die meinen Vorlieben entsprachen. Ohne es zu merken, hatte ich begonnen, mir Gott so zurechtzulegen, wie ich ihn gerne haben wollte, wie ich ihn mir wünschte, anstatt zuzulassen, dass das Wort Gottes mich formt. Aber das hilft mir und auch den Menschen um mich herum nicht weiter. Die Bibel ist keine Sammlung isolierter Verse, aus denen wir uns das herauspicken können, was uns passt. Sie hat eine unglaubliche Tiefe. Jedes Buch steht mit den anderen in Verbindung. Gleiche Themen ziehen sich durch die gesamte Bibel und verweisen uns auf Gottes Charakter und seinen Erlösungsplan. Genau deshalb ist es gefährlich, Verse aus dem Kontext zu ziehen. Es ist so einfach, Gottes Wort so auszulegen, dass sie das entspricht, was wir hören wollen. Unteranderem ist es noch leichter, Menschen zu manipulieren, die sich nie die Zeit nehmen, Gottes Wort selbst zu studieren.
Deshalb heisst es in Psalm 1: Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! 3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, / der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.
Je mehr wir über Gottes Wort nachdenken, desto tiefer wachsen unsere Wurzeln. Wir werden weniger abhängig von populären Meinungen oder den neuesten christlichen Trends und beginnen, unsere eigene Beziehung zu Gott aufzubauen und zu vertiefen. Wir erkennen allmählich, wie zusammenhängend die Bibel wirklich ist, was es viel schwieriger macht, Passagen zu unserem eigenen Vorteil zu verdrehen. Vielleicht lautet die Frage also nicht nur: „Lese ich die Bibel?“ Vielleicht lautet sie vielmehr: „Lasse ich zu, dass die Stimme des Heiligen Geistes zu mir spricht, während ich die Bibel lese?“ Lasst uns also vor Gott treten, mit einem Herzen, das ihm zugewandt ist.
Jesus gibt dann ein weiteres Beispiel.
Lesen wir die Verse 11–13: 11Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban, das heisst: Opfergabe, soll sein, was dir von mir zusteht, 12 so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter 13 und hebt so Gottes Wort auf durch eure Überlieferung, die ihr weitergegeben habt; und dergleichen tut ihr viel.
Die Zehn Gebote sagen uns ganz klar, dass wir unseren Vater und Mutter ehren sollen. Dennoch erklärten manche Menschen ihren Besitz zum „Korban“, was bedeutete, dass der Besitz Gott besonders geweiht war. So konnten sie sich selbst einreden: „Ich habe dieses Geld bereits Gott geweiht. Bestimmt freut sich Gott darüber und wird mich nun segnen. Ich kann es deshalb nicht mehr dafür verwenden, meinen Eltern zu helfen, denn ich tue dies für Gott.“ Auf den ersten Blick klingt das unglaublich fromm. Doch Jesus sagt: „hebt so Gottes Wort auf durch eure Überlieferung“ Sie glaubten, Gott zu dienen, während sie ihm in Wirklichkeit ungehorsam waren. Sie wollten Gott ehren und missachteten dabei eines seiner klaren Gebote zu ihrem eigenen Vorteil, da die Opfergabe den religiösen Führern gehören würde. Die Religion war wichtiger geworden als die Liebe. Denkt an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10,25-37. Ein Mann wurde überfallen, ausgeraubt und halbtot zurückgelassen. Ein Priester und später ein Levit kamen auf ihrem Heimweg vom Tempeldienst an ihm vorbei. Beide wichen den Mann aus. Vielleicht gingen sie davon aus, dass er bereits tot war. Nach dem Gesetz hätte das Berühren einer Leiche sie rituell unrein gemacht und sie daran gehindert, im Tempel zu dienen. Jesus macht ausgerechnet einen Samariter, ein Aussenseiter, der als unrein galt, zum Vorbild für Nächstenliebe. Der Priester und der Levit zogen religiöse Sicherheit der Barmherzigkeit vor. So lasst uns nun, Liebe und Barmherzigkeit ausüben und uns dadurch einander aufbauen, anstatt in die Falle religiöser Regeln zu tappen.
Teil 3 Was aus dem Herzen kommt, bestimmt einen Menschen
Nun kommen wir zu der Frage, warum es so wichtig ist, wo unser Herz liegt. Lesen wir Vers 15: Es gibt nichts, was von aussen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.
Jesus spricht hier konkret im Zusammenhang mit rituellen Waschungen und Speisen. Die Pharisäer glaubten, dass das Essen mit rituell ungewaschenen Händen einen Menschen geistlich unrein mache. Jesus stellt diese Vorstellung völlig auf den Kopf. Was in unseren Körper gelangt, verlässt ihn schliesslich wieder. Die Nahrung an sich entscheidet nicht darüber, ob jemand Gott nahe ist. Der Kern der Sache liegt viel tiefer. Er liegt im Herzen. Alles, was wir sagen, jedes egoistische Motiv und jede sündige Handlung haben ihren Ursprung in unserem Inneren, lange bevor es jemand anderes sieht.
Deshalb erklärt Jesus später in den Versen 21–22: 21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft.
Sünde beginnt nicht erst in unseren Taten, sondern beginnt zunächst als Gedanke, als Verlangen oder als Haltung in unserem Herzen. Wenn unser Herz Jesus gehört, sollten sich ebenso unsere Worte, Taten und Umgang mit anderen Menschen ganz natürlich verändern und ihn widerspiegeln. Jesus geht es nicht einfach darum, unser Verhalten zu ändern, er möchte uns von innen heraus verwandeln. Er möchte, dass wir Gott mit unseren Lippen ehren, weil unser Herz ihn wirklich kennt. Aus einer innigen Beziehung zu Christus sollten Liebe, Gnade, Wahrheit und Gehorsam hervorgehen. Doch unsere Welt lehrt uns ständig genau das Gegenteil. Alles dreht sich um das Äussere. Die Zahl unserer Anhänger, die Menge an Geld, Talent, Einfluss, Schönheit oder Erfolg stehen im Mittelpunkt unseres Lebens. Das Leben wird zu einem ständigen Wettlauf, in dem wir uns beweisen müssen. Bedauerlicherweise übernehmen wir diese Denkweise oft unbemerkt in der Gemeinde. Wer liest am meisten in der Bibel, betet am längsten, predigt am besten, dient am meisten, hat die meisten Schafe oder die grösste Gemeinde? Irgendwann hören wir auf, Gott anzubeten, und fangen an, miteinander zu konkurrieren. Dann fragen wir uns: „Wann bin ich denn endlich gut genug?“ Aber Gott hat uns nie aufgefordert, miteinander zu konkurrieren.
Wenn wir uns Jesaja noch einmal ansehen, stellen wir fest, dass er sagt: Jesaja 1,11–13: Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der Herr. [Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.] 12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor meinem Angesicht – wer fordert denn von euch, dass ihr meine Vorhöfe zertretet? 13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumond und Sabbat, den Ruf zur Versammlung – Frevel und Festversammlung – ich mag es nicht!
Gott sagt nicht, dass Opfer falsch waren. Schliesslich hat er sie selbst angeordnet. Das Problem war nicht das Opfer. Das Problem war das Herz, das es darbrachte. Manche Menschen dachten wahrscheinlich: „Wenn ich einfach mehr Opfer darbringe, wird Gott sicherlich mehr Freude an mir haben.“ Aber Gott fragt: „Wer hat das von euch gefordert?“ Wer hat sie dazu aufgefordert, miteinander zu konkurrieren, wer der Frömmste ist? Wer hat sie dazu aufgefordert, den Gottesdienst zu einer leeren Routine zu verwandeln? Wer hat sie dazu aufgefordert, unzählige Opfer darzubringen, während ihre Herzen weit von Gott entfernt blieben? In vielen Situation tun wir heute noch genau dasselbe. Wir bringen vielleicht keine Brandopfer mehr dar, aber wir können unser christliches Leben immer noch in eine Performanz verwandeln. Wir messen uns daran, wie viel wir tun, anstatt daran, wie tief wir Christus kennen. Ich sehe mich dabei besonders, als ich Jesus persönlich begegnen wollte. Ich war wütend auf Gott, weil er sich mir immer noch nicht offenbart hatte, obwohl ich unteranderem unter Tränen betete. Ich fragte andere nach ihren persönlichen Erfahrungen, in der Hoffnung, ich könnte ihre Vorgehensweise kopieren, um Jesus in meinem Leben zu finden. Doch so funktioniert das nicht. Ich erwartete, dass Gott mein Leben segnen würde, wenn ich mehr in der Bibel las, mehr betete, mehr diente usw. Ich behandelte meine Beziehung zu Gott wie eine Beziehung, die an Bedingungen geknüpft ist, wie es soeben in der Welt funktioniert. Ich brachte ihm immer mehr „Opfer“ dar und erwartete, dass er mein Leben im Gegenzug segnen würde. Dabei verlor ich das Wesentliche des Wort Gottes aus den Augen. Gott ist gut und will Gutes tun, aber in erster Linie möchte er, dass wir seine Liebe verstehen und sein Herz suchen. Ich habe mir etwas vorgemacht, indem ich über meine Frommheit überzeugt war, während mein Herz in Wahrheit noch kalt und verschlossen war. Doch als ich mit nichts zu ihm kam, mit leeren Händen, mit einem Herzen voller Sünde und einem gebrochenen Herzen, umarmte mich seine Liebe und erfüllte mich mit Freude, Trost und Frieden.
Die Opfer im Alten Testament waren niemals nur religiöse Rituale. Sie zeigten, wie schwerwiegend Sünde wirklich ist. Sünde ist blutig. Sünde ist chaotisch. Vergebung ist nicht billig. Jedes Opfer erinnerte Gottes Volk daran, dass Sünde immer ihren Preis hat. Heute bringen wir keine Tieropfer mehr dar, weil Jesus das Opfer für uns geworden ist. Wenn wir uns an das Kreuz erinnern, sollten wir nicht einfach denken: „Toll, jetzt kann ich leben, wie ich will.“ Nein. Das Kreuz sollte uns sowohl an die Schwere unserer Sünde als auch an die Grösse der Gnade Gottes erinnern. Jesus ist nicht gestorben, damit wir bequem weiter in der Sünde leben können. Er ist gestorben, damit gebrochene Sünder zu ihm kommen, Vergebung empfangen und verwandelt werden können. Seine Gnade tröstet uns in unserer Gebrochenheit, aber sie verändert uns auch. Jesus ruft uns dazu auf, aufzuwachen. Nicht länger zu versuchen, all diese religiösen Praktiken zu erfüllen, sondern zuerst zu ihm zu kommen. Das Wort Gottes nicht aufzugeben, sondern ihn in der Schrift zu finden. Jesus sucht keine Menschen mit vollkommen reinen Händen. Er sucht Herzen, die aufrichtig vor ihn treten. Er fordert uns nicht auf, weitere Traditionen oder religiöse Praktiken zu schaffen. Er lädt uns ein, zu ihm zu kommen. Mit unseren gebrochenen Herzen zu ihm zu kommen, so wie wir sind, in jeder Lebenssituation. Dann empfangen wir seine Liebe, die durch uns zu den Menschen um uns herum weiterfliesst.
Lasst uns also noch einmal zum Abschluss den Leitvers lesen: Er aber sprach zu ihnen: Richtig hat von euch Heuchlern Jesaja geweissagt, wie geschrieben steht Jes 29,13: »Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.